Die Stiege zum Schulhof

von Georg

Geht es um meine Volksschulzeit, sind die meisten meiner Erinnerungen verblasst. Keine Ahnung, wann mir mein erster Buchstabe eingeprägt wurde oder ich zum ersten Mal erfolgreich zwei durch zehn geteilt habe.

Sehr wohl weiß ich aber, warum ich zum ersten Mal die Schule geschwänzt habe. Mein Verhältnis zu „meiner“ Religion war schon immer von sehr gegensätzlichen Gefühlen geprägt. Ich liebte meine Konfession, nicht aus spirituellen Gründen, sondern weil sie mir zweimal die Woche erlaubte, den Unterricht eine Stunde später als die meisten anderen Kinder zu beginnen. Vieles jedoch hat seinen Preis und so auch mein Privileg, weshalb ich einmal wöchentlich auch gut ohne Religion hätte leben können, da eine der ersparten Stunden, pünktlich jeden Dienstag vier Uhr Nachmittag im Rahmen evangelischer Geistesertüchtigung auf mich zurückfiel.

Religionsunterricht war zu dieser Zeit definitiv kein Zuckerschlecken für kleine Buben, die ihre Hobbys zu dieser Zeit noch mit Gatschkugelwerfen, Räuber und Gendarm- bzw. Legospielen angaben. Es konnte damals kaum ein größeres Übel für mich geben, als wöchentlich eine Stunde lang Szenen aus der Bibel von einer Tafel nachzumalen. Kreativer Input, die Arche mal als Kriegsschiff darzustellen oder König Salomo mehr wie eine Piraten aussehen zu lassen mussten mit großem Bedauern verworfen werden.

Heute bin ich davon überzeugt, dass diese eine Stunde pro Woche, der Ursprung meines Desinteresses an jeglicher Malerei war. Als hätte dies nicht schon für sich alleine gereicht, endete der Religionsunterricht jeweils mit der Bewertung unsere Zeichnungen, und so für das größt mögliche Unwohlbefinden sorgte.

Wolfgang „Kistel“ (eine von mir entwickelte Abwandlung seines Nachnamens, für die er womöglich bis heute nicht so gut auf mich zu sprechen ist), der von seinen Mitschülern zu seinem Missfallen gerne auch „Rotzi“ (vielleicht auch eine Entwicklung von mir, weil er sich ständig die Nase putzen musste und gerne mal zum Leid seiner Mitschüler darauf verzichte) gerufen wurde, war damals mein Schulfreund und Leidensgenosse. Während die Seiten der Religionshefte unserer weiblichen Kolleginnen wöchentlich nur so gespickt wurden mit Aufklebern in Sternchen- und Blümchenform, zierten unsere Hefte regelmäßig nur Radiergummistreifen von ausradierten Zeichnungen, die aufgrund „zu wenig Bemühens“ als Hausaufgabe neugezeichnet werden mussten.

Für uns hätten die Qualen des Alten Testaments in Form von Religionsunterricht kaum schlimmer sein können. So war es für mich nur zu verlockend, Rotzis Vorschlag, den Religionsunterricht zu schwänzen in die Tat umzusetzen. Die Entscheidung dazu war wahrlich nicht die Einfachste, ich glaubte nicht mit dem Schwänzen durchzukommen, doch letztlich obsiegte der Horror vor den noch kommenden Religionsstunden, die Angst beim Fernbleiben des Unterrichts erwischt zu werden.

Von einem auf das andere Mal versteckten wir uns nun regelmäßig eine Stunde pro Woche unter den Stufen im Schulhof, nichts war zuvor und danach spannender oder elektrisierender. Bis heute bin ich erstaunt, dass keine Nachricht von der Schule nachhause fand, die unserem Treiben ein Ende gesetzt hätte.

Offensichtlich vermisste uns die Religionslehrerin genauso wenig wie wir sie. Für sie waren unsere Zeichnungen so unpassend ein Graffitti an einer Hauswand. Sie konnte die Bilder nie „lesen“, machte auch keine Anstalten uns irgendwie zu verstehen. Die Seiten unsere Hefte waren bloß bunte Kleckse ohne Sinn und Zweck. So fanden wir unter der Stiege im Schulhof Unterschlupf und fühlten uns beschützt vor den Leuten die über uns hinwegschritten und womöglich suchten.

So sieht die Stiege heute aus. Auf der Rückseite geht es einen halbstock weiter runter, so konnten wir Problemlos unter ihr hineinkriechen.

So sieht die Stiege heute aus. Auf der Rückseite geht es einen Halbstock weiter runter, so konnten wir Problemlos unter ihr hineinkriechen.

Im Nachhinein betrachtet, komme ich aus dem Grüblen nicht heraus, ob nicht meine atheistische Mutter womöglich mein dunkles Geheimnis gegenüber meinen evangelischen Vater mit mir teilt, könnte ja sein, das die Religionslehrerin doch mal zuhause angerufen hatte.

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