Kindliche Ängste: Der Vampir und die Plastikflasche.

von Georg

Umweltschutz war eines der wichtigsten Themen meiner Kindheit.  Neben für Kinder typischen Ängsten, dass ein Vampir im Kleiderkasten und ein Werwolf unter dem Bett wohnen könnte und jeden Toilettenbesuch zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens, zu einem Spießrutenlauf der Angst werden ließen, war der Umweltschutz eine Angst, der man zu jeder Uhrzeit begegnen konnte.

Wassersparen, Energiesparen, Müll vermeiden und trennen, die Vorsicht vor dem Sauren Regen, dem Ozonloch und der Atomwolke über Europa, all diese Sorgen und Probleme waren lange Zeit engste Begleiter meiner Kindheit und konnten nicht mit ein paar gut getimten Sprints durch die nächtliche Wohnung und einem gekonnten Sprung ins Bett gelöst werden.
Wenn es nach den Nachrichten ging war die Lage verdammt ernst und ich hatte richtig Schiss davor, dass unser einzigartiger Planet durch ein Atomkraftwerk bzw. eine Atombombe in die Luft fliegt könnte, oder in Plastikflaschen und Aludosen ertrinken würde,  so dass wir wünschten, die Monster in unseren Zimmern hätten uns schnell und schmerzlos erledigt. Jedem, der in diesen Katastrophen wider erwarten nicht den Tod gefunden hätte, würde das Ozonloch, gut genährt durch Autoabgase und dem FCKW aus Sprühdosen das Hirn wegbrennen. Ein gewaltsamer Tod somit nur eine Frage der Zeit, nur das wie, ein bisschen unsicher.
Unschwer erkennbar, war ich auf das Schlimmste vorbereitet. Ein Störfall in einem der slovakischen, und nicht unweit der österreichischen Grenze gelegenen Kernkraftwerke Mochovce oder Bohunice hätte kein Problem dargestellt – Konzepte waren ausgearbeitet. In meinem Kopf existierten Pläne, in welche Himmelsrichtung meine Eltern, mein bester Freund Hamit, dessen Schwester und Ich, mangels Autos, zu radeln hatten. Autos erschienen meiner Ansicht nach in solch einer Situation als zwecklos, da diese mit Autos anderer Fluchtwilligen verstopft gewesen wären. Fahrräder hingegen, die paßten durch enge Gassen, waren mit Rücksicht auf das Ozonloch abgasfrei und man konnte seine Fahrtrichtung jederzeit der Windrichtung welche die Atomwolke vor sich hin trieb, anpassen.

Die Strategie gegen die Umweltverschmutzung durch Plastikflaschen gaben meine Eltern vor, und diese war einfach für kleine Buben, die Limonaden liebten, fatal. Es kommen keine Plastikflaschen oder Getränkedosen in den Haushalt. Lieblingslimonaden wie Fanta oder Sprite gab es in meiner Kindheit schon kaum mehr in Glasflaschen, sondern zumeist in schrecklichen Designverbrechen aus Plastik zu zwei Litern. Das Ende Glaspfandflasche war zu diesem Zeitpunkt offensichtlicherweise schon beschlossene Sache.

Mit der Einführung der Mehrweg-PET Flaschen wurden meine Eltern milder, insbesondere weil meine Mutter keine Lust hatte, die schweren Glasflaschen in einem Haus ohne Lift, in den vierten Stock zu tragen. Das verführerisch geringe Gewicht und die Unzerbrechlichkeit der Plastikflasche sind Gründe für ihren Siegeszug in unsere Gesellschaft. Den deutlich größeren Anteil am Plastikflaschenerfolg hat aber ganz bestimmt die Tatsache, dass sich viele Mitmenschen von Gebrauchsgegenständen, wenn sie mal ausgedient haben, rasch und einfach entledigen wollen. Das geht am besten in dem man sie in einfach in den Müll wirft und nicht erst groß sammeln und womöglich flachdrücken muss, um sie dann zusätzlich auch noch zurück zum Supermarkt oder Plastikmüll Sammeltonne zu tragen.

Auch T. liegt die Umwelt sehr am Herzen und zwar so sehr, dass sie ihre Haare mit Wascherde und ihre Kleidung mit Waschnüssen aus dem Reformhaus wäscht, zum Transport ihres Einkaufs immer eine Baumwolltasche benutzt und auch sonst Plastikverpackungen meidet wie der Teufel das Weihwasser. Um T. zu unterstützen, habe ich mal anstatt der 0,5l Plastikflaschen aus dem Supermarkt, Frucht- & Gemüsesäfte in Glasflaschen aus der Drogerie gekauft mit der Absicht, dass wir das Leergut regelmäßig wieder verwenden. Leider hat sich diese Idee schnell wieder erübrigt, da die Deckel aus Metall und Plastk recht schnell zu schimmeln anfingen und einem dauerhaften hygienischen Gebrauch entgegenstanden. Seither verwenden wir beide wieder Plastikflaschen wenn wir unterwegs sind, wir kommen einfach an den Geistern die wir gerufen haben nicht vorbei, aber immerhin haben wir ja noch die Möglichkeit unseren Plastikmüll zu trennen, oder?

Zumindest die Regionalpolitik in Wien scheint hier seltsame Wege zu gehen. Die irgendwann eingeführte und sich Jahrzehnte bewährte „gelbe Tonne“ zum Sammeln von Plastikflaschen wurde aus den Müllräumen der Häuser Wiens entfernt und nicht ersetzt. Wer jetzt seinen Plastikmüll trennen möchte, muss  zu den Sammelstellen der Stadt spazieren. Nun weiss ich nicht, wie es andere mit der Mülltrennung halten, gemessen daran mit wievielen Plastikflaschen die Mülltonnen in unserem Haus (die nichtmal zusammengedrückt wurden) mittlerweile gespickt sind, dürfte ein deutlich größerer Plastikflaschenanteil dem Restmüll zugeführt werden.
Viele haben wohl schon in irgendeiner Ausführung davon gehört haben, dass Plastik da es auf Erdöl basiert einen sehr hohen Heizwert hat und deshalb zum Beispiel in der Müllverbrennungsanlage Spittelau, hin und wieder gesammelte Plastikflaschen zugeheizt werden, damit der Restmüll besser verbrennt. Die Stadt Wien bezeichnet diese Behauptung als Urban Legend, gleichzeitig sorgt sie aber dafür, dass mehr Plastik im Restmüll landet. Beleg für meine empirischen Wahrnehmungen finde ich in der Zeitung. Vier von fünf Plastikflaschen finden ihren Weg in den (Rest-)Müll. Gleichzeitig werden deutlich weniger Mehrwertgebinde abgesetzt was durch eine entsprechende Steuerung des Angebots an Mehrwegflaschen durch die Industrie unterstützt wird, man sehe sich nur die Preispolitik und Produktpalette bei Vöslauer im letzten halben Jahr an. Dort kommt sogar die Bio-Limonade aus Plastik daher.

Was mittlerweile jedem klar sein sollte, ist, dass die Plastikflasche sich bereits durchgesetzt hat und somit nicht aufzuhalten ist. Die Werbe- und Verwertungstechniken der Industrie werden immer besser. Jede nicht gekaufte Flasche findet eher früher als später einen Abnehmer, und früher als unmöglich angenommenes ist nun Realität, man denke etwa an Bier in 1,5l Plastikflaschen.
Auch ein  Blick über die Landesgrenzen hinaus, insbesondere Richtung Süden zeigt ein deutliches Bild. Wer von uns hat bei Aufenthalten im südlicheren Ausland Wasser aus einer Glasflasche getrunken? In vielen Ländern trinken nur Draufgänger oder Menschen denen es an Finanzkraft fehlt aus Wasserleitungen, der Rest greift zur Plastikflasche.

Österreich dürfte, wenn man es recht bedenkt, fast etwas wie eine Insel der Seeligen sein. Es gibt hier letztlich die nötige Sammelinfrastruktur (auch wenn sie schon besser war) und unsere Wiederverwertungssysteme von Plastikflaschen scheinen effizienter zu sein, als jemals zuvor. Wir dürfen nur nicht mit dem Sammeln nachlassen und müssen die Disziplin diesbezüglich hochhalten. Dafür bräuchte es aber wieder eine klarere Strategie in der Umweltpolitik, denn für mich scheint ein schleichender Umschwung einzusetzen. Im achten Bezirk wurde zum Beispiel die Problemstoffsammelstelle aufgelöst und durch einen Sammelbus der zweimal im Monat für zwei Stunden Altöl, Spraydosen, Batterien und ähnliches annimmt.
Ich denke, Österreich wird unmittelbar keine gröberen Probleme mit Plastikmüll bekommen, ganz anders sieht es jedoch in anderen Ländern aus. Dort sind sie oft schon vorhanden, insbesondere dort, wo es keine Sammelsysteme gibt oder sie sich nicht wirkungsvoll zeigen, der Film Plastic Planet veranschaulicht dies eindrucksvoll.

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