Social Proof – Das Schweigen eines Studenten

von Georg

Immer wieder kommt es bei Besuch von Übungseinheiten auf der Uni zum selben Déjà-vu: der Vortrag ist zu schnell, die wenigsten können den Ausführungen folgen und im Seminarraum herrscht angespannte Ruhe. Blicke in die Unterlagen von Kollegen helfen nicht, da dort oft noch weniger steht, als in meiner Mitschrift. Höre ich beim Verlassen der Veranstalltung im Getuschel der Allgemeinheit dann genauer hin, bestätigt sich mein Eindruck, viele Kollegen waren Überfordert und gehen mit einigen unbeantworteten Fragen Heim.

Eine Frage die sich mir in diesem Momenten aufdrängt ist, warum nehme ich selbst nicht die Initiative in die Hand und bitte den Vortragenden aus Rücksicht auf die Allgemeinheit, ein bisschen weniger flott fortzufahren. Normalerweise ist es auch nicht mein Ding den Mund zu halten, aber manchmal erscheint es mir in diesen Situationen als ratsamer mich zurück zuhalten, da ich aufgrund der allgemeinen Stille und Anspannung nicht das Gefühl verspüre, die notwendige Deckung durch meine Mitstudenten zu haben, weil sie selbst trotz ersichtlicher Probleme keine Anstalten machen, selbst um Nachsicht zu bitten.

Geht es nach Wikipedia, wird mein Verhalten von der Psycholgie als „Social Proof“ bezeichnet. Social Proof kommt vorallem in Situationen zur Geltung, in der man sich unklar ist, wie man sich verhalten soll und im Zweifel einfach das Verhalten der umgebenden Mitmenschen nachahmt, weil man annimmt, diese könnten mehr über (Hintergrund-) Wissen verfügen, und wüssten schon was sie tun. Der Gestalts– und Sozialpsychologe Solomon Asch veranschaulichte veranschaulichte mit seinem Konformitätsexperiment wie Gruppenzwang Menschen beeinflussen kann, in dem er Menschen unter der Mithilfe von Schauspielern so manipulierte, dass diese offensichtlich falsche Aussagen, als richtig bestätigten.

Rolf Dobelli veranschaulicht in seinem Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ warum Social Proof zumindest in der Vergangenheit seine Berechtigung hatte, in dem er den Leser mit ein paar Jägern und Sammlern in der Steinzeit durch die Serengeti wandern lässt. Mit einem Mal laufen alle dem Leser davon. Und was tut der Leser? Bleibt er stehen und fragt sich was mit den Kollegen los ist und ob das Ding davorne wirklich ein Löwe ist? Nein, er hetzt seinen Begleitern so gut er kann hinterher. Reflektionen sind später auch noch möglich, zuerst geht man auf Nummer sicher. Wer nicht so gehandelt hat, hat sich wie Darwin vor Augen führt, aus der Evolution verabschiedet.

Ich weiss also jetzt, dass mein Schweigen darin begründet ist, dass ich nicht aufgefressen werden möchte was zumindest auf der Uni letztlich albern erscheint. Vielleicht finde ich ja, wenn es wieder mal zu schnell vorangeht und die Gefahr überschaubar ist, meine Stimme wieder.

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