Fremdkörper rumoren im Bauch des AKH

von Georg

Ich bin vorgestern spät nachts noch wegen eines Sandkorns, das sich während eines Ultimate Trainings unsterblich in mein Auge verliebt hat, in der Augenambulanz des größten Krankenhauses Europas gewesen. Trotz starker Beeinträchtigung des rechten Auges war die Anreise ohne gröbere Probleme zu bewältigen und dank guter Anweisungen vom Nachtportier stehe ich bereits kurz nach Verlassen der Wohnung, mit meinem schick geröteten und angeschwollenen Zombieauge vor dem Anmeldeschalter der allgemeinen Notfallambulanz.

Ich stelle mich hinter einem am Tropf hängenden Typen an, der bereits irgendwo an einer Institution des AKHs behandelt wird, aber keine Lust hat sich zu merken wo das sein könnte. Während die Stationsschwester deshalb minutenlang durch Telefonate ins Innere, die Herkunft des Patienten zu erruieren versucht, fange ich leicht genervt an, die unzähligen Schilder um mich herum zu zählen. Eine andere Patientin scheint mein Abschweifen zu bemerken und nutzt dies geschickt aus, in dem sie als der Patient vor mir endlich weitergereicht wird, schnell an mir vorbei zum Schalter wankt. Aber nicht mit mir! Grimmigen Zombieblicks brumme ich ihr, mein Know-How über das Anstellen an Warteschlangen zu (man stellt sich hinten, nicht vorne an) und bekomme kurz darauf einen Stapel an Papieren mit unzähligen Aufklebern in die Hand gedrückt, mit der Aufforderung meinen Arsch auf einen Sitzplatz vor den Türen mit dem Buchstaben C zu setzen – ich würde aufgerufen werden.

Nach zwanzig Minuten des Wartens beginnt sich ein Rumoren in mir breit zu machen. Ich kann Ambulanzen nicht ausstehen, da es mir so vorkommt, als würde sich die (Warte-)Zeit zäh verdichten und immer langsamer werden, während man ab und zu Gesichter erblickt, die mir aufgrund der Schmerzen die darin abzulesen sind, das Fürchten lehren. Wie um mich in meiner Meinung zu bestätigen, wird kurz nach dem ich Platz genommen habe, eine Frau etwa Anfang dreißig, auf einer Trage in den fensterlosen Gang eingeliefert und von ihrem Sanitäter als akuter Migräneanfall vorgestellt. Trotz der hohen Temperaturen die es hier hat, liegt sie zugedeckt auf einer Bahre und wartet halb ohnmächtig und gerkrümmt von ihren Schmerzen, auf jemanden aus der Nervenambulanz der ihr hilft. Als der zuständige Arzt erscheint, wird sie von ihrem Lebensgefährten an mir vorbeigeschoben und ich sehe in das Gesicht eines Gespensts, das mich mit seinen aufgerissenen Augen und Mund an Edward Munchs „der Schrei“ erinnert.

Der Fremdkörper in meinem Auge, scheint meine geteilte Aufmerksamkeit zu bemerken und macht sich zusätzlich als Kopfschmerz bemerkbar. Was anfangs eher lässtig war, wird zur Nervenprobe, die sich vom Augenlied langsam immer tiefer in meinen Kopf vor arbeitet. Um mich zu entspannen, schließe ich die Augen und wippe, fast alleine im langen kalten orange leuchtenden Ambulanztrakt sitzend, mit einem Fuß im Sekundentakt. Es wirkt aber nicht. Nachdem fast vierzig Minuten vergangen sind, kann ich beunruhigt noch immer kein System in der Ambulanz erkennen. Ich sehe mit einem Auge Ärzte und Schwestern aus Türen in den Wänden und an mir vorbei spazieren, jedoch niemand würdigt mich eines Blicks. Plötzlich öffnet irgendjemand von außen die Augenambulanz, jedoch nur um dort das Licht einzuschalten, danach tut sich wieder nichts, aber die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ich ermahne mich, locker zu bleiben und so die Ruhe zu bewahren, mein aufkeimender Zorn wird mich nicht weiter bringen. Diese Überzeugung schwindet je länger ich in dieser trostlosen Leere sitze und nicht weiss, warum ich dieses Sandkorn trotz aller möglichen Reibtechniken und Wasserspülungen nicht aus meinem Auge bekomme und ob diese aufgrund meiner immer intensiveren Schmerzen nicht auch für das Augenlicht gefährlich sind. Immerhin kann ich noch lachen, als ein Arzt seine Teenagerpatientin zwischen Tür und Angel der Ambulanz A1 fragt: „naaaa, wie geht es ihnen?“ und sie schwach ein „seeeehr schlecht!!“ piepst. Welche Fragen erwarten mich hier wohl noch?

Endlich kommt eine Ärztin zu mir, nimmt mir die Papiere ab und fordert mich (wieder ohne mich anzusehen) auf, ihr in die Ambulanz zu folgen. Auf die Frage warum ich hier bin, entgegne ich ihr irrtiert „wegen dem Auge“ und denke an die Teenagerin in A1. Wie ich dem Blick der offensichtlich genervten Ärztin begegne, erzähle ich ihr vom Sandkorn und den Versuchen, es loszuwerden. Trotzdem bekomme ich das Gefühl, ich wäre eine Mimose, die sich im Grunde wegen nichts durch das Betreten der Ambulanz zu einem Notfall erklärt hat, obwohl meine Göttin in Weiß gerade deutlich wichtigere Dinge zu erledigen hätte. Nochdazu erweise ich mich als äußerst ungehorsam und lasse mir erst nach drei schmerzhaften Versuchen, das Sandkorn meiner Hornhaut entnehmen. Ein letzter Versuch, die Stimmung mit ein bisschen Selbstironie und Fragen nach dem Ding in meinem Auge aufzulockern werden gnadenlos mit Unfreundlichkeit abgeschmettert. Das Auge wird eingetropft, eine weitere Therapie ist nicht nötig.
Als ich mich bedanken will, werde ich nochmals ohne angesehen zu werden darauf eingeschworen, dass keine weitere Therapie nötig ist. Eine Verabschiedung unterbleibt also. Ich hab verstanden. Trotzdem Danke!

 

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