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Kategorie: Persönliches

Fremdkörper rumoren im Bauch des AKH

Ich bin vorgestern spät nachts noch wegen eines Sandkorns, das sich während eines Ultimate Trainings unsterblich in mein Auge verliebt hat, in der Augenambulanz des größten Krankenhauses Europas gewesen. Trotz starker Beeinträchtigung des rechten Auges war die Anreise ohne gröbere Probleme zu bewältigen und dank guter Anweisungen vom Nachtportier stehe ich bereits kurz nach Verlassen der Wohnung, mit meinem schick geröteten und angeschwollenen Zombieauge vor dem Anmeldeschalter der allgemeinen Notfallambulanz.

Ich stelle mich hinter einem am Tropf hängenden Typen an, der bereits irgendwo an einer Institution des AKHs behandelt wird, aber keine Lust hat sich zu merken wo das sein könnte. Während die Stationsschwester deshalb minutenlang durch Telefonate ins Innere, die Herkunft des Patienten zu erruieren versucht, fange ich leicht genervt an, die unzähligen Schilder um mich herum zu zählen. Eine andere Patientin scheint mein Abschweifen zu bemerken und nutzt dies geschickt aus, in dem sie als der Patient vor mir endlich weitergereicht wird, schnell an mir vorbei zum Schalter wankt. Aber nicht mit mir! Grimmigen Zombieblicks brumme ich ihr, mein Know-How über das Anstellen an Warteschlangen zu (man stellt sich hinten, nicht vorne an) und bekomme kurz darauf einen Stapel an Papieren mit unzähligen Aufklebern in die Hand gedrückt, mit der Aufforderung meinen Arsch auf einen Sitzplatz vor den Türen mit dem Buchstaben C zu setzen – ich würde aufgerufen werden.

Nach zwanzig Minuten des Wartens beginnt sich ein Rumoren in mir breit zu machen. Ich kann Ambulanzen nicht ausstehen, da es mir so vorkommt, als würde sich die (Warte-)Zeit zäh verdichten und immer langsamer werden, während man ab und zu Gesichter erblickt, die mir aufgrund der Schmerzen die darin abzulesen sind, das Fürchten lehren. Wie um mich in meiner Meinung zu bestätigen, wird kurz nach dem ich Platz genommen habe, eine Frau etwa Anfang dreißig, auf einer Trage in den fensterlosen Gang eingeliefert und von ihrem Sanitäter als akuter Migräneanfall vorgestellt. Trotz der hohen Temperaturen die es hier hat, liegt sie zugedeckt auf einer Bahre und wartet halb ohnmächtig und gerkrümmt von ihren Schmerzen, auf jemanden aus der Nervenambulanz der ihr hilft. Als der zuständige Arzt erscheint, wird sie von ihrem Lebensgefährten an mir vorbeigeschoben und ich sehe in das Gesicht eines Gespensts, das mich mit seinen aufgerissenen Augen und Mund an Edward Munchs „der Schrei“ erinnert.

Der Fremdkörper in meinem Auge, scheint meine geteilte Aufmerksamkeit zu bemerken und macht sich zusätzlich als Kopfschmerz bemerkbar. Was anfangs eher lässtig war, wird zur Nervenprobe, die sich vom Augenlied langsam immer tiefer in meinen Kopf vor arbeitet. Um mich zu entspannen, schließe ich die Augen und wippe, fast alleine im langen kalten orange leuchtenden Ambulanztrakt sitzend, mit einem Fuß im Sekundentakt. Es wirkt aber nicht. Nachdem fast vierzig Minuten vergangen sind, kann ich beunruhigt noch immer kein System in der Ambulanz erkennen. Ich sehe mit einem Auge Ärzte und Schwestern aus Türen in den Wänden und an mir vorbei spazieren, jedoch niemand würdigt mich eines Blicks. Plötzlich öffnet irgendjemand von außen die Augenambulanz, jedoch nur um dort das Licht einzuschalten, danach tut sich wieder nichts, aber die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ich ermahne mich, locker zu bleiben und so die Ruhe zu bewahren, mein aufkeimender Zorn wird mich nicht weiter bringen. Diese Überzeugung schwindet je länger ich in dieser trostlosen Leere sitze und nicht weiss, warum ich dieses Sandkorn trotz aller möglichen Reibtechniken und Wasserspülungen nicht aus meinem Auge bekomme und ob diese aufgrund meiner immer intensiveren Schmerzen nicht auch für das Augenlicht gefährlich sind. Immerhin kann ich noch lachen, als ein Arzt seine Teenagerpatientin zwischen Tür und Angel der Ambulanz A1 fragt: „naaaa, wie geht es ihnen?“ und sie schwach ein „seeeehr schlecht!!“ piepst. Welche Fragen erwarten mich hier wohl noch?

Endlich kommt eine Ärztin zu mir, nimmt mir die Papiere ab und fordert mich (wieder ohne mich anzusehen) auf, ihr in die Ambulanz zu folgen. Auf die Frage warum ich hier bin, entgegne ich ihr irrtiert „wegen dem Auge“ und denke an die Teenagerin in A1. Wie ich dem Blick der offensichtlich genervten Ärztin begegne, erzähle ich ihr vom Sandkorn und den Versuchen, es loszuwerden. Trotzdem bekomme ich das Gefühl, ich wäre eine Mimose, die sich im Grunde wegen nichts durch das Betreten der Ambulanz zu einem Notfall erklärt hat, obwohl meine Göttin in Weiß gerade deutlich wichtigere Dinge zu erledigen hätte. Nochdazu erweise ich mich als äußerst ungehorsam und lasse mir erst nach drei schmerzhaften Versuchen, das Sandkorn meiner Hornhaut entnehmen. Ein letzter Versuch, die Stimmung mit ein bisschen Selbstironie und Fragen nach dem Ding in meinem Auge aufzulockern werden gnadenlos mit Unfreundlichkeit abgeschmettert. Das Auge wird eingetropft, eine weitere Therapie ist nicht nötig.
Als ich mich bedanken will, werde ich nochmals ohne angesehen zu werden darauf eingeschworen, dass keine weitere Therapie nötig ist. Eine Verabschiedung unterbleibt also. Ich hab verstanden. Trotzdem Danke!

 

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Social Proof – Das Schweigen eines Studenten

Immer wieder kommt es bei Besuch von Übungseinheiten auf der Uni zum selben Déjà-vu: der Vortrag ist zu schnell, die wenigsten können den Ausführungen folgen und im Seminarraum herrscht angespannte Ruhe. Blicke in die Unterlagen von Kollegen helfen nicht, da dort oft noch weniger steht, als in meiner Mitschrift. Höre ich beim Verlassen der Veranstalltung im Getuschel der Allgemeinheit dann genauer hin, bestätigt sich mein Eindruck, viele Kollegen waren Überfordert und gehen mit einigen unbeantworteten Fragen Heim.

Eine Frage die sich mir in diesem Momenten aufdrängt ist, warum nehme ich selbst nicht die Initiative in die Hand und bitte den Vortragenden aus Rücksicht auf die Allgemeinheit, ein bisschen weniger flott fortzufahren. Normalerweise ist es auch nicht mein Ding den Mund zu halten, aber manchmal erscheint es mir in diesen Situationen als ratsamer mich zurück zuhalten, da ich aufgrund der allgemeinen Stille und Anspannung nicht das Gefühl verspüre, die notwendige Deckung durch meine Mitstudenten zu haben, weil sie selbst trotz ersichtlicher Probleme keine Anstalten machen, selbst um Nachsicht zu bitten.

Geht es nach Wikipedia, wird mein Verhalten von der Psycholgie als „Social Proof“ bezeichnet. Social Proof kommt vorallem in Situationen zur Geltung, in der man sich unklar ist, wie man sich verhalten soll und im Zweifel einfach das Verhalten der umgebenden Mitmenschen nachahmt, weil man annimmt, diese könnten mehr über (Hintergrund-) Wissen verfügen, und wüssten schon was sie tun. Der Gestalts– und Sozialpsychologe Solomon Asch veranschaulichte veranschaulichte mit seinem Konformitätsexperiment wie Gruppenzwang Menschen beeinflussen kann, in dem er Menschen unter der Mithilfe von Schauspielern so manipulierte, dass diese offensichtlich falsche Aussagen, als richtig bestätigten.

Rolf Dobelli veranschaulicht in seinem Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ warum Social Proof zumindest in der Vergangenheit seine Berechtigung hatte, in dem er den Leser mit ein paar Jägern und Sammlern in der Steinzeit durch die Serengeti wandern lässt. Mit einem Mal laufen alle dem Leser davon. Und was tut der Leser? Bleibt er stehen und fragt sich was mit den Kollegen los ist und ob das Ding davorne wirklich ein Löwe ist? Nein, er hetzt seinen Begleitern so gut er kann hinterher. Reflektionen sind später auch noch möglich, zuerst geht man auf Nummer sicher. Wer nicht so gehandelt hat, hat sich wie Darwin vor Augen führt, aus der Evolution verabschiedet.

Ich weiss also jetzt, dass mein Schweigen darin begründet ist, dass ich nicht aufgefressen werden möchte was zumindest auf der Uni letztlich albern erscheint. Vielleicht finde ich ja, wenn es wieder mal zu schnell vorangeht und die Gefahr überschaubar ist, meine Stimme wieder.

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Kindliche Ängste: Der Vampir und die Plastikflasche.

Umweltschutz war eines der wichtigsten Themen meiner Kindheit.  Neben für Kinder typischen Ängsten, dass ein Vampir im Kleiderkasten und ein Werwolf unter dem Bett wohnen könnte und jeden Toilettenbesuch zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens, zu einem Spießrutenlauf der Angst werden ließen, war der Umweltschutz eine Angst, der man zu jeder Uhrzeit begegnen konnte.

Wassersparen, Energiesparen, Müll vermeiden und trennen, die Vorsicht vor dem Sauren Regen, dem Ozonloch und der Atomwolke über Europa, all diese Sorgen und Probleme waren lange Zeit engste Begleiter meiner Kindheit und konnten nicht mit ein paar gut getimten Sprints durch die nächtliche Wohnung und einem gekonnten Sprung ins Bett gelöst werden.
Wenn es nach den Nachrichten ging war die Lage verdammt ernst und ich hatte richtig Schiss davor, dass unser einzigartiger Planet durch ein Atomkraftwerk bzw. eine Atombombe in die Luft fliegt könnte, oder in Plastikflaschen und Aludosen ertrinken würde,  so dass wir wünschten, die Monster in unseren Zimmern hätten uns schnell und schmerzlos erledigt. Jedem, der in diesen Katastrophen wider erwarten nicht den Tod gefunden hätte, würde das Ozonloch, gut genährt durch Autoabgase und dem FCKW aus Sprühdosen das Hirn wegbrennen. Ein gewaltsamer Tod somit nur eine Frage der Zeit, nur das wie, ein bisschen unsicher.
Unschwer erkennbar, war ich auf das Schlimmste vorbereitet. Ein Störfall in einem der slovakischen, und nicht unweit der österreichischen Grenze gelegenen Kernkraftwerke Mochovce oder Bohunice hätte kein Problem dargestellt – Konzepte waren ausgearbeitet. In meinem Kopf existierten Pläne, in welche Himmelsrichtung meine Eltern, mein bester Freund Hamit, dessen Schwester und Ich, mangels Autos, zu radeln hatten. Autos erschienen meiner Ansicht nach in solch einer Situation als zwecklos, da diese mit Autos anderer Fluchtwilligen verstopft gewesen wären. Fahrräder hingegen, die paßten durch enge Gassen, waren mit Rücksicht auf das Ozonloch abgasfrei und man konnte seine Fahrtrichtung jederzeit der Windrichtung welche die Atomwolke vor sich hin trieb, anpassen.

Die Strategie gegen die Umweltverschmutzung durch Plastikflaschen gaben meine Eltern vor, und diese war einfach für kleine Buben, die Limonaden liebten, fatal. Es kommen keine Plastikflaschen oder Getränkedosen in den Haushalt. Lieblingslimonaden wie Fanta oder Sprite gab es in meiner Kindheit schon kaum mehr in Glasflaschen, sondern zumeist in schrecklichen Designverbrechen aus Plastik zu zwei Litern. Das Ende Glaspfandflasche war zu diesem Zeitpunkt offensichtlicherweise schon beschlossene Sache.

Mit der Einführung der Mehrweg-PET Flaschen wurden meine Eltern milder, insbesondere weil meine Mutter keine Lust hatte, die schweren Glasflaschen in einem Haus ohne Lift, in den vierten Stock zu tragen. Das verführerisch geringe Gewicht und die Unzerbrechlichkeit der Plastikflasche sind Gründe für ihren Siegeszug in unsere Gesellschaft. Den deutlich größeren Anteil am Plastikflaschenerfolg hat aber ganz bestimmt die Tatsache, dass sich viele Mitmenschen von Gebrauchsgegenständen, wenn sie mal ausgedient haben, rasch und einfach entledigen wollen. Das geht am besten in dem man sie in einfach in den Müll wirft und nicht erst groß sammeln und womöglich flachdrücken muss, um sie dann zusätzlich auch noch zurück zum Supermarkt oder Plastikmüll Sammeltonne zu tragen.

Auch T. liegt die Umwelt sehr am Herzen und zwar so sehr, dass sie ihre Haare mit Wascherde und ihre Kleidung mit Waschnüssen aus dem Reformhaus wäscht, zum Transport ihres Einkaufs immer eine Baumwolltasche benutzt und auch sonst Plastikverpackungen meidet wie der Teufel das Weihwasser. Um T. zu unterstützen, habe ich mal anstatt der 0,5l Plastikflaschen aus dem Supermarkt, Frucht- & Gemüsesäfte in Glasflaschen aus der Drogerie gekauft mit der Absicht, dass wir das Leergut regelmäßig wieder verwenden. Leider hat sich diese Idee schnell wieder erübrigt, da die Deckel aus Metall und Plastk recht schnell zu schimmeln anfingen und einem dauerhaften hygienischen Gebrauch entgegenstanden. Seither verwenden wir beide wieder Plastikflaschen wenn wir unterwegs sind, wir kommen einfach an den Geistern die wir gerufen haben nicht vorbei, aber immerhin haben wir ja noch die Möglichkeit unseren Plastikmüll zu trennen, oder?

Zumindest die Regionalpolitik in Wien scheint hier seltsame Wege zu gehen. Die irgendwann eingeführte und sich Jahrzehnte bewährte „gelbe Tonne“ zum Sammeln von Plastikflaschen wurde aus den Müllräumen der Häuser Wiens entfernt und nicht ersetzt. Wer jetzt seinen Plastikmüll trennen möchte, muss  zu den Sammelstellen der Stadt spazieren. Nun weiss ich nicht, wie es andere mit der Mülltrennung halten, gemessen daran mit wievielen Plastikflaschen die Mülltonnen in unserem Haus (die nichtmal zusammengedrückt wurden) mittlerweile gespickt sind, dürfte ein deutlich größerer Plastikflaschenanteil dem Restmüll zugeführt werden.
Viele haben wohl schon in irgendeiner Ausführung davon gehört haben, dass Plastik da es auf Erdöl basiert einen sehr hohen Heizwert hat und deshalb zum Beispiel in der Müllverbrennungsanlage Spittelau, hin und wieder gesammelte Plastikflaschen zugeheizt werden, damit der Restmüll besser verbrennt. Die Stadt Wien bezeichnet diese Behauptung als Urban Legend, gleichzeitig sorgt sie aber dafür, dass mehr Plastik im Restmüll landet. Beleg für meine empirischen Wahrnehmungen finde ich in der Zeitung. Vier von fünf Plastikflaschen finden ihren Weg in den (Rest-)Müll. Gleichzeitig werden deutlich weniger Mehrwertgebinde abgesetzt was durch eine entsprechende Steuerung des Angebots an Mehrwegflaschen durch die Industrie unterstützt wird, man sehe sich nur die Preispolitik und Produktpalette bei Vöslauer im letzten halben Jahr an. Dort kommt sogar die Bio-Limonade aus Plastik daher.

Was mittlerweile jedem klar sein sollte, ist, dass die Plastikflasche sich bereits durchgesetzt hat und somit nicht aufzuhalten ist. Die Werbe- und Verwertungstechniken der Industrie werden immer besser. Jede nicht gekaufte Flasche findet eher früher als später einen Abnehmer, und früher als unmöglich angenommenes ist nun Realität, man denke etwa an Bier in 1,5l Plastikflaschen.
Auch ein  Blick über die Landesgrenzen hinaus, insbesondere Richtung Süden zeigt ein deutliches Bild. Wer von uns hat bei Aufenthalten im südlicheren Ausland Wasser aus einer Glasflasche getrunken? In vielen Ländern trinken nur Draufgänger oder Menschen denen es an Finanzkraft fehlt aus Wasserleitungen, der Rest greift zur Plastikflasche.

Österreich dürfte, wenn man es recht bedenkt, fast etwas wie eine Insel der Seeligen sein. Es gibt hier letztlich die nötige Sammelinfrastruktur (auch wenn sie schon besser war) und unsere Wiederverwertungssysteme von Plastikflaschen scheinen effizienter zu sein, als jemals zuvor. Wir dürfen nur nicht mit dem Sammeln nachlassen und müssen die Disziplin diesbezüglich hochhalten. Dafür bräuchte es aber wieder eine klarere Strategie in der Umweltpolitik, denn für mich scheint ein schleichender Umschwung einzusetzen. Im achten Bezirk wurde zum Beispiel die Problemstoffsammelstelle aufgelöst und durch einen Sammelbus der zweimal im Monat für zwei Stunden Altöl, Spraydosen, Batterien und ähnliches annimmt.
Ich denke, Österreich wird unmittelbar keine gröberen Probleme mit Plastikmüll bekommen, ganz anders sieht es jedoch in anderen Ländern aus. Dort sind sie oft schon vorhanden, insbesondere dort, wo es keine Sammelsysteme gibt oder sie sich nicht wirkungsvoll zeigen, der Film Plastic Planet veranschaulicht dies eindrucksvoll.

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Die Stiege zum Schulhof

Geht es um meine Volksschulzeit, sind die meisten meiner Erinnerungen verblasst. Keine Ahnung, wann mir mein erster Buchstabe eingeprägt wurde oder ich zum ersten Mal erfolgreich zwei durch zehn geteilt habe.

Sehr wohl weiß ich aber, warum ich zum ersten Mal die Schule geschwänzt habe. Mein Verhältnis zu „meiner“ Religion war schon immer von sehr gegensätzlichen Gefühlen geprägt. Ich liebte meine Konfession, nicht aus spirituellen Gründen, sondern weil sie mir zweimal die Woche erlaubte, den Unterricht eine Stunde später als die meisten anderen Kinder zu beginnen. Vieles jedoch hat seinen Preis und so auch mein Privileg, weshalb ich einmal wöchentlich auch gut ohne Religion hätte leben können, da eine der ersparten Stunden, pünktlich jeden Dienstag vier Uhr Nachmittag im Rahmen evangelischer Geistesertüchtigung auf mich zurückfiel.

Religionsunterricht war zu dieser Zeit definitiv kein Zuckerschlecken für kleine Buben, die ihre Hobbys zu dieser Zeit noch mit Gatschkugelwerfen, Räuber und Gendarm- bzw. Legospielen angaben. Es konnte damals kaum ein größeres Übel für mich geben, als wöchentlich eine Stunde lang Szenen aus der Bibel von einer Tafel nachzumalen. Kreativer Input, die Arche mal als Kriegsschiff darzustellen oder König Salomo mehr wie eine Piraten aussehen zu lassen mussten mit großem Bedauern verworfen werden.

Heute bin ich davon überzeugt, dass diese eine Stunde pro Woche, der Ursprung meines Desinteresses an jeglicher Malerei war. Als hätte dies nicht schon für sich alleine gereicht, endete der Religionsunterricht jeweils mit der Bewertung unsere Zeichnungen, und so für das größt mögliche Unwohlbefinden sorgte.

Wolfgang „Kistel“ (eine von mir entwickelte Abwandlung seines Nachnamens, für die er womöglich bis heute nicht so gut auf mich zu sprechen ist), der von seinen Mitschülern zu seinem Missfallen gerne auch „Rotzi“ (vielleicht auch eine Entwicklung von mir, weil er sich ständig die Nase putzen musste und gerne mal zum Leid seiner Mitschüler darauf verzichte) gerufen wurde, war damals mein Schulfreund und Leidensgenosse. Während die Seiten der Religionshefte unserer weiblichen Kolleginnen wöchentlich nur so gespickt wurden mit Aufklebern in Sternchen- und Blümchenform, zierten unsere Hefte regelmäßig nur Radiergummistreifen von ausradierten Zeichnungen, die aufgrund „zu wenig Bemühens“ als Hausaufgabe neugezeichnet werden mussten.

Für uns hätten die Qualen des Alten Testaments in Form von Religionsunterricht kaum schlimmer sein können. So war es für mich nur zu verlockend, Rotzis Vorschlag, den Religionsunterricht zu schwänzen in die Tat umzusetzen. Die Entscheidung dazu war wahrlich nicht die Einfachste, ich glaubte nicht mit dem Schwänzen durchzukommen, doch letztlich obsiegte der Horror vor den noch kommenden Religionsstunden, die Angst beim Fernbleiben des Unterrichts erwischt zu werden.

Von einem auf das andere Mal versteckten wir uns nun regelmäßig eine Stunde pro Woche unter den Stufen im Schulhof, nichts war zuvor und danach spannender oder elektrisierender. Bis heute bin ich erstaunt, dass keine Nachricht von der Schule nachhause fand, die unserem Treiben ein Ende gesetzt hätte.

Offensichtlich vermisste uns die Religionslehrerin genauso wenig wie wir sie. Für sie waren unsere Zeichnungen so unpassend ein Graffitti an einer Hauswand. Sie konnte die Bilder nie „lesen“, machte auch keine Anstalten uns irgendwie zu verstehen. Die Seiten unsere Hefte waren bloß bunte Kleckse ohne Sinn und Zweck. So fanden wir unter der Stiege im Schulhof Unterschlupf und fühlten uns beschützt vor den Leuten die über uns hinwegschritten und womöglich suchten.

So sieht die Stiege heute aus. Auf der Rückseite geht es einen halbstock weiter runter, so konnten wir Problemlos unter ihr hineinkriechen.

So sieht die Stiege heute aus. Auf der Rückseite geht es einen Halbstock weiter runter, so konnten wir Problemlos unter ihr hineinkriechen.

Im Nachhinein betrachtet, komme ich aus dem Grüblen nicht heraus, ob nicht meine atheistische Mutter womöglich mein dunkles Geheimnis gegenüber meinen evangelischen Vater mit mir teilt, könnte ja sein, das die Religionslehrerin doch mal zuhause angerufen hatte.

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